Leseprobe „Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen“
Posted by Thomas M. Mon, 12 Mar 2007 14:23:07 GMT
Der Econ Verlag hat uns freundlicher Weise eine Leseprobe aus dem Buch „Professor Untat. Was faul ist hinter den Hochschulkulissen“ zukommen lassen. Wir dürfen hier bei uns im Blog deshalb nicht nur Bücher verlosen (wir haben noch ein paar Bücher!) sondern euch auch eine Kostprobe geben. Das Kapitel ist eines von vielen und handelt von MeinProf :)
Viel Spaß beim Lesen!
MeinProf.de: Ein Lehrstück über Lehrende
Was passiert, wenn Studenten es wagen, die Lehre ihrer Professoren in einem Online-Portal zu bewerten? Was passiert, wenn die Öffentlichkeit so durchs Schlüsselloch der Hörsäle blinzeln kann? Dann verhalten sich Professoren wie ein Polizeistaat: Sie stellen sich nicht der Kritik – sie stellen ihre Kritiker kalt! Mit juristischen Mitteln. Sie, die täglich Noten austeilen, wollen keine Noten einstecken. Sie, die jede Studentenleistung für bewertbar halten, sehen ihre eigene Lehrleistung jenseits der Bewertbarkeit. Die Geschichte von MeinProf.de ist auch ein Lehrstück über Lehrende, eine abgrundtiefe Charakterstudie.
Meinungsfreiheit als Virus
Hätte Jonathan Weiss nicht ein Jahr in den USA studiert: Die deutschen Professoren könnten heute ruhiger schlafen – und ihre Studenten einschläfern, wie gehabt. Die RWTH Aachen hätte sich nicht als Mimose lächerlich gemacht. Dem Hochschullehrerbund wäre die vielleicht größte Heuchelei seiner Geschichte erspart geblieben. Und auch Marion Schick, die Präsidentin der FH München, müsste sich nicht als Frau mit gespaltener Zunge bezeichnen lassen.
Doch Jonathan Weiss, der Berliner Student, schleppte 2005 aus den USA einen Virus ein, gegen den die deutschen Hochschulen bis dahin immun waren – den Virus der Meinungsfreiheit. Nicht dass eine Maulkorb-Pflicht für politische Meinungen oder wissenschaftliche Standpunkte gegolten hätte – wohl aber für das öffentliche Urteil über Professoren! Institutsinterne Evaluationen, deren Ergebnisse meist im Morast des Schweigens versacken, waren das höchste aller Gefühle.
Genau genommen war es ein Computervirus, den Weiss einschleppte; er war mit RateYourProf.com in Kontakt geraten. Das ist eine Internetseite für die USA und andere englischsprachige Länder, die das übliche Verhältnis zwischen Profs und Studenten auf den Kopf stellt: Nicht der Professor bewertet die Studierenden, sondern die Studierenden bewerten den Professor. Um anderen Studenten eine Orientierung zu geben: Welcher Professor und welcher Kurs sind empfehlenswert? Und um welche Veranstaltungen macht man besser einen Bogen?
Warum dieses Prinzip nicht auf Deutschland übertragen?, dachte sich Jonathan Weiss. Seine Kommilitonen an der TU Berlin waren sofort Feuer und Flamme. Einer von ihnen, der Informatik-Student Thomas Kaschwig, erinnert sich: »Wir haben uns drei Abende hingesetzt, das Konzept für MeinProf.de entwickelt und es dann umgesetzt.« Dieser Vorgang klingt wenig revolutionär – doch sein Ergebnis kam einer Revolution gleich: Das erste Mal in der über 650-jährigen Geschichte deutscher Hochschulen sollten Studenten die Möglichkeit bekommen, sich öffentlich und systematisch über die Qualität von Professoren zu informieren und zu äußern. Und zwar ohne Furcht vor Repressionen, da der eigene Name für die Professoren anonym bleiben würde.
MeinProf.de funktioniert so: Die Professoren werden von den Studenten auf die Webseite eingetragen, nach Bundesländern und Hochschulen sortiert und in sieben Kategorien bewertet (Fairness, Unterstützung, Material, Verständlichkeit, Spaß, Interesse, Verhältnis Note/Aufwand). Die Zensuren reichen von 1 (positiv) bis 5 (negativ). Daraus ergibt sich eine Gesamtnote. Zusätzlich sind individuelle Kommentare möglich.
Dass die Berliner Studenten so empfänglich für den Virus aus den USA waren, lag auch an ihren eigenen Erfahrungen. Thomas Kaschwig im Gespräch: »Es gibt Dozenten, die sind demotiviert, die halten ihre Vorlesung seit 15 Jahren und interessieren sich nicht dafür, ob die Studenten das spannend finden.« Kaschwig saß vier Jahre im Fakultätsrat und hatte den Eindruck, »dass die Etats nur für Forschung, für Einwerbung von Drittmitteln und durch Vitamin B verteilt werden. Die Lehre kommt nicht vor!«
Der Virus sprang so schnell auf die Internet-Gemeinde über, dass der Auftritt von MeinProf.de im Januar 2006 kurzzeitig zusammenbrach: Ein Artikel bei »Spiegel Online« hatte einen Ansturm von 100.000 Besuchern ausgelöst. Die Zahl der Bewertungen stieg in die Zehntausende.
Die Professoren zuckten zusammen. Viele sahen MeinProf.de als Attentat auf ihre Autorität, als Majestätsbeleidigung schlechthin. Manche reagierten so, wie es auch Diktaturen beim Aufkommen freier Meinung zu tun pflegen: mit Aggression, mit Einschüchterung und – heimlich, still und leise – mit Angst vor Machtverlust. Merkwürdigerweise stand bei diesen Profs nicht die Frage im Vordergrund: Wie lässt sich die Qualität unserer Lehre verbessern? Diskutiert wurde vor allem: Was können wir gegen die Seite tun? Der lange juristische Atem der Besoldungskönige und prophylaktische Klageandrohungen schlugen den mittellosen Betreibern in Briefen und Mails wie ein Donnergrollen entgegen. Dutzende Professoren, darunter die schlechtesten der Republik, mussten die Betreiber von MeinProf.de genauso zähneknirschend wie spurlos löschen.
Andere Professoren halfen ihrem Ansehen selbst auf die Sprünge, wie Thomas Kaschwig schmunzelnd erzählt: »Offenbar wurden etliche Hiwis und Assistenten aufgefordert, den Chef nach oben zu pushen.« Doch aufgrund der IP-Adressen konnte der Informatiker die Spur zu den Institutsrechnern zurückverfolgen. Ein Klick auf die Homepage des Instituts, schon fanden sich die Namen der Jubelperser wieder – in der Liste der Institutsmitarbeiter.
Ein Professor aus dem Saarland, lange Spitzenreiter in der bundesweiten Flop-Liste, schoss den Vogel ab: Seine Gesamtnote lag nur hauchdünn von einer 5 entfernt, als er selbst – unter diversen Mailadressen – den Schnitt anheben wollte. Allerdings gab er sich selbst nur die Noten 2 und 3, offenbar in der Annahme, bessere Bewertungen müssten angesichts seiner Lehrqualität sofort als Schwindel durchschaubar sein…
Das lauteste Gebell kam von den betroffenen Hunden. Aber wie haben die Hochschulen reagiert? Konrad Schily hat viele Jahre die Privatuniversität in Witten-Herdecke geleitet. Von uns auf MeinProf.de angesprochen, meinte er: »Warum sollte ich als Direktor nicht ein paar Informationen aufnehmen? Zum Beispiel: ›Professor XY – wäre eine schöne Vorlesung, wenn er denn gekommen wäre.‹« Allerdings sei es »Sache der Führung, solche Vorwürfe im Gespräch zu klären. Man darf das Verfahren nicht zum Richter machen; man muss beide Seiten hören.«
Burkhard Rauhut, Direktor der RWTH in Aachen, ließ es im Frühjahr 2006 zu, dass sein Datenschutzbeauftragter versuchte, sämtliche Professoren der RWTH aus der Schusslinie zu nehmen. Die MeinProf.de-Betreiber wurden aufgefordert, alle RWTH-Professoren, »die sich nicht mittels einer Einwilligung auf Ihrer Internetseite MeinProf.de haben registrieren lassen, unverzüglich zu löschen«. Man ließ wieder einmal die juristischen Muskeln spielen, drohte mit »weiteren Schritten«.
Dass ausgerechnet die RWTH, eine Möchtegern-Elite-Uni, sich als Vorreiterin beim Ignorieren der studentischen Meinung zu erkennen gab, kam völlig überraschend. Auch war die Begründung für den Rückzug mehr als fadenscheinig: MeinProf.de verbreite »personenbezogene Daten«, das verstoße gegen den Datenschutz.
255 RWTH-Professoren lösten sich bei MeinProf.de in Luft auf. Nicht nur Aachens Studenten waren empört. Einer schrieb im Internet: »Ich halte die Aktion für einen plumpen Versuch, eine drohende Rufschädigung abzuwenden. Anders ist das nicht zu erklären. Man versucht, die Leute von MeinProf.de mit irgendwelchem Datenschutz-Hokuspokus einzuschüchtern.«
Ein fauler Zauber, der nicht alle Dozentenköpfe vernebeln konnte. Der Bremer Medienrechtler Lambert Grosskopf, selbst bei MeinProf.de gelistet, kommt in seinem siebenseitigen Gutachten zu dem Schluss: »Bei den Angaben ›Titel‹, ›Name‹ und ›Schwerpunkt‹ handelt es sich um Tatsachenmitteilungen.« Diese Informationen seien »allgemein zugänglichen Quellen, wie etwa auch im Web veröffentlichten Vorlesungsverzeichnissen der Hochschulen, zu entnehmen«. Also kein Verstoß gegen Datenschutz.
Den Bogen der Meinungsfreiheit überspanne die Seite keineswegs. Es handele sich um ein Meinungsforum mit Werturteilen, die »vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit (Art. 5 Abs. 1 GG) gedeckt« seien. Dieses Recht greife umso mehr »bei Mitteilungen «, wenn sie »nicht im privaten Interesse, sondern in öffentlichen Angelegenheiten gemacht werden«. Eine öffentliche Evaluation sei eindeutig juristisch einwandfrei, solange sie keine Schmähungen und Beleidigungen enthalte.
Ihren Höhepunkt erreichte die Posse um MeinProf.de im Juni 2006. Rund 30 Professoren der FH München wandten sich mit einem identischen Schreiben an die Betreiber. Wie immer wurde mit »rechtlichen Schritten« gedroht. »Alle Professoren haben zur gleichen Zeit und mit dem gleichen Wortlaut geschrieben «, erinnert sich Thomas Kaschwig. »Uns war klar: Das muss eine gesteuerte Aktion sein.« Und tatsächlich: Niemand anderes als die Präsidentin der FH, Marion Schick, hatte die Professoren mit einem Rundschreiben auf die Seite aufmerksam gemacht und ihnen auch gleich einen Musterbrief mitgeschickt.
Es handelt sich um dieselbe Marion Schick, die gegenüber der »Süddeutschen Zeitung« behauptete: »Wir haben kein Problem mit öffentlichen Bewertungen.« Dieselbe Frau, die im Zusammenhang mit hochschulinterner Evaluation behauptet, »eine Diskussion darüber in den Fachbereichen« sei in ihrem Sinne.
Welcher Teufel hat die Präsidentin bei ihrem Tiefschlag gegen die Meinungsfreiheit geritten? Es war gar kein Teufel – es war das Engelchen der »Fürsorgepflicht«, wie sie es nennt. Um ihren Professorenkindergarten vor der Unbill der rauen Lebenswirklichkeit zu schützen, hat die Professoren-Mami ihre schützende Hand über die Zöglinge gehalten. Kann es sein, dass die Leiter der Hochschulen ihren Professoren nicht einmal den Umgang mit ein paar kritischen Studentenstimmen zutrauen? MeinProf.de setzte ein Zeichen: Aus Protest wurden alle Professoren der FH München gelöscht.
Ebenfalls einen Heuchelorden erster Klasse hat sich der Hochschullehrerbund verdient, die Standesvereinigung der FH-Professoren. Der Bund versorgte Mitglieder mit einem rettenden Musterbrief, um sie aus dem Schwitzkasten von MeinProf.de zu befreien. Wer nachforscht, auf welchem Boden dieses Schreiben gewachsen ist, sticht in einen Misthaufen der Unaufrichtigkeit. Denn eines vergaß der Hochschullehrerbund in seinem Musterbrief zu erwähnen: dass man selbst ein juristisches Gutachten zu dem Internetauftritt hatte anfertigen lassen. Resultat des vertraulichen Schriftsatzes, der uns zugespielt wurde: MeinProf.de sei rechtens.
Wörtlich heißt es: »Die Äußerung der eigenen Meinung genießt Schutz nach Inhalt und Form, auch wenn es sich um eine Außenseitermeinung handelt. Unerheblich ist ferner die Qualität der Äußerung, ob etwa geäußerte Gründe emotional oder rational sind und ob sie von anderen für nützlich oder wertvoll gehalten werden.« Nur bei »Schmähkritik oder Formalbeleidigung « sei eine Klage erfolgversprechend, urteilt die Gutachterin. Diese Einschätzung wiegt doppelt, da Auftragsgutachten in der Regel im Sinne des Auftraggebers ausfallen.
Das Immunsystem der deutschen Professoren setzt sich zur Wehr. Die Meinungsfreiheit für Studenten wird als gefährlicher Virus betrachtet, wird mit aller Kraft bekämpft. Man geht gegen das Symptom vor, statt die Krankheit – also die schlechte Lehre – zu heilen. Der kindliche Trotz der kritisierten Professoren könnte sich als schlechte Medizin erweisen, birgt er doch gewisse Risiken und Nebenwirkungen, kann zum Beispiel das Vertrauen in die Hochschulen zerstören. Fragen Sie Ihren Medizin-Professor!
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